Wer die Geschäftsräume der Winsener Volksbank an der Rathausstraße betritt, übersieht häufig eine blaue Informationstafel, die etwas ungünstig in der Höhe am Mauerwerk angebracht wurde. Mit der Tafel wird an einen Freund der Deutschen erinnert, der zunächst als Feind bei uns erschienen ist. Die Rede ist von einem britischen Offizier namens Colonel Alan Douglas Seddon, der wahrscheinlich im Jahre 1889 nordwestlich von London in der kleinen Stadt Northwood geboren wurde.

Winsen wurde am 19. April 1945 durch die 11.Armouret Division, sowie 1.Herefordshire Regiment eingenommen. Unmittelbar nach Kriegsende am 8. Mai 1945 setzten die Briten den Major Seddon als oberster Besatzungsoffizier für den Landkreis Harburg ein. Zu seinen ersten Aufgaben zählten die Zerschlagung der teilweise noch vorhandenen politischen Strukturen aus dem 3. Reich, sowie die Relikte aus dem militärischen Bereich. Die Polizeigewalt war bereits an die Engländer übergegangen. Aber auch ganz alltägliche Dinge veränderten sich. Die freiwillige Feuerwehr, seinerzeit ebenfalls in der Regie der Engländer, war gezwungen, die Beschriftung an ihren Wagen in „Fire Service“ umzubenennen.

Der damalige us-amerikanische Finanzminister Henry Morgenthau entwickelte noch im Krieg einen nach ihm benannten Plan, wonach Deutschland nach der Kapitulation in einen Agrarstaat ohne Industrie umgewandelt werden sollte mit dem Ziel, es dem besiegten Land künftig unmöglich zu machen, wieder Waffen zu produzieren. Dieser Plan wurde gottlob nicht umgesetzt und Major Seddon (später: Oberstleutnant) ging ans Werk, um zu helfen, das am Boden liegende Deutschland hier bei uns wieder aufzurichten. Alleine die Aufgaben, um Schulen wieder zu eröffnen, erforderte zahlreiche Maßnahmen, wie neue Lehrpläne, die Einsetzung von neuen Lehrern plus Schulrat ohne Nazi-Vergangenheit, und was sonst noch alles zum Schulbetrieb gehört. In den Schulen hausten zu der Zeit viele Flüchtlinge und Vertriebene aus den Ostgebieten Deutschlands, welche ein Dach über den Kopf haben mussten. Auch der Umzug der Leute war zu organisieren, damit die Schulgebäude wieder ihren ursprünglichen Zweck erfüllen konnten. Sehr viel Energie steckte Major Seddon darin, die Jugendarbeit nach demokratischen Grundsätzen zu fördern. Aber er bemühte sich auch sehr, die große Not der Bevölkerung in der Nachkriegszeit zu lindern. Bei seiner Arbeit, u.a. dem Aufbau einer funktionierenden öffentlichen Verwaltung, fand er tatkräftige Unterstützung durch Dr. Broistedt (DP) und Wilhelm Rohland, SPD (1946-1948), an die noch heute zwei Straßennamen erinnern. Wenige Jahre später, von 1948 bis 1952 war Dr. Broistedt gewählter Bürgermeister der Stadt und später sogar Landrat des Kreises.

Schritt für Schritt kehrte wieder normales Leben im Lande ein. Am 1. November 1949 erschien die Erstausgabe des Winsener Anzeiger. Vorläufer waren die „Winsener Nachrichten“, dessen Redaktion unter den politschen Gegebenheiten in der Zeit von 1933 bis 1945 natürlich systemkonforn berichtete. An den neuen Redaktionsstil ab 1949 mussten sich die Leser erst einmal gewöhnen, wobei zahlreiche Bürger es dabei vermutlich innerlich sehr schwer hatten (Stichwort: Entnazifizierung) Ein NSDAP-Ausweis eines Winseners, sowie eine Kopie eines Zeitungsartikels aus dem Jahre 1944 sollen als Beispiele dienen.

Bei den zahlreichen Aufgaben in der Nachkriegszeit fungierte ein Herbert Rohde als Dolmetscher. Dessen ungeachtet sei angemerkt, dass Major Seddon ausgezeichnet deutsch sprach und sogar plattdeutsch ! Im 1. Weltkrieg war Seddon nämlich Kriegsgefangener in Niedersachsen gewesen. Seine Unterkunft nach dem 2. Weltkrieg in Winsen war nicht mehr so bescheiden wie Jahrzehnte zuvor. Seddon residierte in der Eppenschen Kachelvilla, wo an der Stelle heute die Volksbank zu Hause ist. Eigentümer war einst Wilhelm Louis Eppen, ein Mitglied der Winsener Papierfabrikanten-Familie. Er starb im Januar 1908 an den Folgen einer Rauchgasvergiftung, verursacht durch den Brand eines Tannenbaumes.

Eppens Villa fand nach dem 2. Weltkrieg eine vielseitige Verwendung. Es wurde ein Haus der Jugend und der Vereine und ziviler Organisationen, die sich in den noblen Innenräumen trafen. (z.B. Rotes Kreuz und Pfadfinder). Es wurde berichtet, dass sich im Keller der Villa damals ein Tonstudio befand, wo Hörspiele aufgezeichnet wurden. Die Villa stand bis 1972 an dem Platz. Danach ließ die Volksbank Nordheide dort und auf Nachbargrundstücken ihre Filiale errichten, zunächst eine kleine, dann ersetzt durch den heutigen Bau. Und aktuell gibt es dort an dem Von-Somnitz-Ring einen Erweiterungsbau.




Mit der eingangs gezeigten blauen Gedenktafel am Hauseingang der Volksbank wurde vor ein paar Jahren das segensreiche und menschenfreundliche Wirken des ehemaligen britischen Besatzers gewürdigt. Alan Douglas Seddon starb im Jahr 1976. Unser Landkreis inklusive Kreisstadt hat ihm viel zu verdanken.


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