Bei Überquerung der Straßenbrücke von Nettelberg über den Ilmenau-Kanal fällt eine stählerne Brücke ins Auge. Sie hat bis auf Ausnahmen weitgehend ihre ursprüngliche Funktionen verloren. Blicken wir einmal weit zurück in die Vergangenheit.

Seit Jahrhunderten schon wird eine alte Winsener Sage weitergegeben, wonach die Herzogin Dorothea – die bekanntlich ihren Alterssitz auf dem Winsener Schloß hatte – etwas östlich von Winsen auf einer kleinen Anhöhe ihrem Hobby nachgegangen sei: der Jagd. Nach und nach soll ihre Jagdhütte dort total von Brennesseln umgeben gewesen sein, und so wurde irgendwann aus dem Namen des Hügels der Brennesselberg und später dann der noch heute gebräuchliche: „Nettelberg“.

Die Anhöhe Nettelberg, wie sie damals bestand, war seinerzeit noch nicht durchschnitten von dem Ilmenau-Kanal, denn die alte Ilmenau floss seinerzeit noch mit vielen Mäandern am Rande von Tönnhausen vorbei Richtung Elbe. Das änderte sich mit der Kanalisierung der Ilmenau in diesem Abschnitt in den Jahren 1866-68. Im Anschluss daran wurde am Nettelberg eine Holzbrücke über den Kanal gebaut, die große Bedeutung durch den Verkehr von und zur Winsener Elbmarsch erlangen sollte, denn 1895 begann der Straßenbau von den Elbmarsch-Reihendörfern Richtung Nettelberg (Quelle: H.P. Meyn, Marschacht). Nach Fertigstellung musste nicht mehr der Umweg über die Seebrücke genommen werden.

Im Jahre 1908 beschloss der hiesige Landkreis, eine Kleinbahn von Winsen nach Niedermarschacht zu bauen. Hintergrund dieser Planungen war die am Endpunkt der Strecke vorhandene Fähre, die den Waren- und Personentransport über die Elbe Richtung Norden ermöglichte. Für die Bahnlinie reichte selbstverständlich die vorhandene hölzerne Klappbrücke nicht mehr. Die für die Bahn gebaute stählerne Brücke war sowohl für den Schienen- als auch für den Autoverkehr geplant. Um den Schiffahrtsverkehr auf dem Kanal nicht zu behindern, wurden beide Brückensockel recht hoch gelegt. Zu diesem Zweck schafften die Erbauer Sand und Erdreich aus dem Viehfeld bei Borstel heran. Selbstverständlich hatten nach Fertigstellung nun auch Fußgänger und Radfahrer die Möglichkeit, bequem über den Kanal zu kommen.

Für den Personenverkehr kamen Diesestriebwagen der Waggonfabrik Wismar zum Einsatz, die wegen ihres Aussehens den landläufigen Namen „Ameisenbär“ bekamen. Der Güterverkehr war insbesondere für das Chemiewerk Bock in Niedermarschacht von erheblicher Bedeutung. Güterzüge wurden vorwiegend vom Maschinenbau Kiel (MaK) bezogen. – Während der Sturmflut 1962 stockte plötzlich der Verkehr. Ein Tankschiff hatte sich unter der Brücke verkeilt und der gesamte Straßenverkehr musste zeitweilig über Oldershausen/Handorf geleitet werden. Wenige Jahre später, nämlich am 21. Mai 1966 wurde der Personenverkehr auf der Schiene zwischen Winsen und Niedermarschacht eingestellt, und nur der Güterverkehr blieb übrig.

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Im Jahre 1968 erhielt der Kanal bei Nettelberg die erste Straßenbrücke, welche eine erschreckend kurze Lebensdauer hatte. Bereits im Jahre 2003 stellte man fest, dass die Statik der Brücke nicht mehr stimmt, und bis zum Abriss in 2004 (und folgendem Neubau) wurde der Verkehr einspurig über die Brücke geleitet.

Nahe von Nettelberg stromaufwärts wurde am Kanal eine neue Anlage für den Umschlag fossilier Brennstoffe und Öl gebaut, die aber auch nur bis ca. 2007 Bestand hatte. Eine größere Bedeutung bekam dieser Bereich als Kali-Umschlagplatz vom Schiff auf die Bahn. Noch heute erkennt man die entsprechende Gleisanlage nahe dem in 1958/59 erbauten Schöpfwerk, die über den breiten Schleusengraben und den Bultweg hinwegführt. Die später leer stehenden Gleise wurden später von der OHE, Eigentümerin der Strecke ab 1944, als Abstellgleise für Kesselwagen (VTG oder EVA)genutzt. Hartnäckig hielt sich damals das Gerücht in der Bevölkerung, dass es sich hierbei um eine Nato-Reserve für den Ernstfall handelte.

Nun, nach so vielen Veränderungen in gut 100 Jahren, versinkt Nettelberg nach meinem Eindruck wieder in den alten Dornröschenschlaf.

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