In Winsens Fußgängerzone sind trotz der vielen Neubauten, die das Gesicht der Stadt nach und nach veränderten, auch noch einige Häuser erhalten geblieben, die für Gäste und auch für manchen Bürger unserer Stadt „Hingucker“ sind. Ich persönlich zähle die Alte Ratsapotheke dazu, welche ihr Aussehen mehrfach verändert hat. Das alte Gebäude aus dem Jahre 1622 (Foto siehe Apotheken-Prospekt) wurde 1897 durch einen neugotischen Bau ersetzt. Auch dieser unterlag baulichen Veränderungen, welche ganz deutlich werden, wenn wir heute vor der Apotheke stehen. Die heutige Front des Hauses ist schlichter als zur Zeit des Neubaus. Es lohnt sich aber, einen Blick in das Innere der Apotheke zu werfen.

Inhaberin der Apotheke ist Frau Rosemarie Schmidt. In der Zeit von 1893 bis 1931 war ein Dr. Theodor Meinecke der Inhaber. Und dieser Name ist untrennbar mit dem Wunderheiler Schäfer Ast aus Radbruch verbunden. Schon in der Zeit galt der Grundsatz, dass Arztpraxen und Apotheken getrennt geführt werden mußten. Darüber hat sich Schäfer Ast zunächst überhaupt keine Gedanken gemacht, denn er hatte Besseres zu tun. Der Bahnhof Radbruch war Haltestation von Sonderzügen aus allen Regionen von Deutschland und auch aus dem Ausland. Täglich drängten sich bis an die 1000 Erkrankte durch das kleine Dorf, die meisten zu Fuß und die wohlhabenderen per Kutsche. Das Ziel war der Schäfer, von dem viele Menschen glaubten, dass er auf geheimnisvolle Weise Heilung bringen kann. Unter medizinischen Gesichtspunkten war alles wohl nur Hokus-Pokus, aber manchmal zählen Selbstheilungskräfte und Ergebnisse mehr als die Wissenschaft. (Shakespeare:

„Es gibt mehr Ding‘ im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sicht träumt, Horatio!“)

Die Geschichte und die Geschichten über den Schäfer Heinrich Ast, geboren im April 1848 in Gronau an der Leine (südwestlich von Hildesheim) hat ganze Bücher gefüllt. Einige Fotos aus Radbruch füge ich bei.

Nachdem der Schäfer wegen dem erwähnten Rechtsgrundsatz, dem er keine Aufmerksamkeit schenkte, immer mehr mit der Justiz zu tun bekam, kooperierte er schließlich mit dem Apotheker Dr. Meinecke, der vorher schon mal während einer Gerichtsverhandlung, bei der Philipp Heinrich Ast auf der Anklagebank saß, als Zeuge und Sachverständiger geladen wurde. Beide tüftelten zusammen ihre medizinischen Anwendungen aus und der Schäfer verschrieb fortan Rezepte, die in der Alten Ratsapotheke gegen Arzneimittel abzugeben waren. Sowohl der Schäfer, als auch der Apotheker mehrten damals ihr Vermögen beträchtlich. Obwohl Heinrich Ast nur Spenden annahm, war er seinerzeit der größte Steuerzahler im Alt-Kreis Winsen. Noch bis zum heutigen Tage können in der Apotheke „Arzneimittel nach Schäfer Ast“ erworben werden.

Dr. Meinecke hatte noch ein zweites Standbein in Winsen, wie die beiden Zeitungsausschnitte aus dem Jahr 1928 belegen. Die Rede ist von der Winsener Drogen- und Farbhandlung Dr. Meinecke & Boedke, welche sich in der Bahnhofstraße 4 befand, und zwar zwischen den damaligen Geschäften von Fricke und dem Textilhaus Radden, ungefähr dort, wo heute die Passage ist. Besonders dieser Bereich bis hin zum Südertor hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert.

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