Ein Haus mit Geschichte und Geschichten

Am Ortsende von Borstel auf dem Weg nach Lüneburg befindet sich der Staatsforst Habichtshorst, der zur Naherholung einlädt. Wenn allerdings die Harvester der Revierförsterei Busschewald im Auftrag des Niedersächsischen Forstamt Sellhorn ihr Tageswerk beginnen, wird es gefährlich unter den Bäumen. Dann müssen Wanderer sowie Reiter ausgesperrt bleiben (zuletzt im April 2021). Unmittelbar vor dem Ortsausgangsschild schimmert zur rechten Hand ein zweigeteiltes Fachwerk-Ensemble durch die Blätter der schattenspendenden Bäume. Es geht um das alte Forsthaus, das Gesicht und Funktion im Laufe der Zeit immer mal wieder veränderte.

Anfang des 19. Jahrhunderts erschien im Forsthaus ab und zu ein reitender Bote, welcher vom Förster Sechel aus Stelle mit Nachrichten nach Borstel geschickt wurde. Der junge Mann war damals völlig unbekannt, aber das sollte sich im Laufe der Jahrzehnte ändern. Nach absolvierter Lehre in Stelle wechselte der junge Johann Christoph zum Forstmeister Meding nach Borstel. Er wurde das dort als Jäger angestellt mit nachhaltigem Einfluss auf sein späteres Leben. Die Verdienstmöglichkeiten für Jäger in der damaligen Zeit waren nicht besonders motivierend, und so kündigte Eidig irgendwann seinen Job in Borstel und machte sich selbständig. Er entwickelte sich zu einem gefürchteten Wilddieb, so etwas wie ein Robin Hood der Heide. Sein vollständiger Name: Johann Christoph Eidig, später bekannt als Hans Eidig. Mehrmals wurde er im Winsener Schloß festgesetzt, aber das beeindruckte ihn nicht besonders. In der Bevölkerung hatten Wildschützen, welche die Gesetze des herrschenden Adels mißachteten, durchaus einen guten Namen und vor allem auch dann, wenn die Wilderer anderen was abgaben. Mit dem Namen Eidig verbinden sich viele Anekdoten und es gibt eine Reihe Bücher über ihn. Zahlreiche Straßennamen im norddeutschen Raum erinnern noch heute an Hans Eidig. Und eine nicht mehr existierende Brennerei aus Salzhausen vermarktete einst einen „Eidig-Schnaps“. Richard Fehlandt, der Winsener Heimatdichter, im Jahre 1981 ausgezeichnet mit dem Freudenthal-Preis, hat vor Jahrzehnten über Eidig ein Theaterstück geschrieben und nahe dem Forsthaus aufführen lassen. Fehlandt starb im Jahre 1992.

Eidig, geboren am 27.1.1802 in Klein-Klecken

Nach dem 2. Weltkrieg wohnt im Habichtshorst eine Berliner Pianistin und Cembalistin namens Elfriede Otto, die im Jahre 1953 die Konzertreihe „Winsener Schloßkonzerte“ (Kammermusik) gründete. Dort trat sie immer wieder selbst auf, arrangierte aber auch namhafte Künstler, die Garantie waren für ein sehr abwechslungsreiches, allerdings auch anspruchvolles Programm. In späteren Jahren übernahm der Winsener Kulturverein die Regie und die Veranstaltungen verlagerten sich immer wieder auch in den Marstall, weil dort mehr Platz vorhanden ist. Elfriede Otto starb am 23. Juli 1989 in Lüneburg und hat folglich den Fall der Mauer in ihrer Heimatstadt nicht mehr miterleben dürfen. Auf dem Winsener Waldfriedhof fand sie ihre letzte Ruhe.

Elfriede Otto

Damit war das musikalische Kapitel des Forsthauses nicht zu Ende. Seit Jahrzehnten ist dort eine Musikgruppe mit dem Namen „ Lárt pour l´art“ zu Hause, die weit über die Grenzen unserer Stadt für Liebhaber zeitgenössischer Musik bekannt ist und deshalb wohl nur ein bestimmtes Publikum anspricht.




G-maps-Koordinaten: 53.345279, 10.251829

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